Ein Blick durch den Spiegel, oder geht es um den Spiegel eines Bildnisses?

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Wie sind die Gemälde von Antonios Santorinios zu beschreiben?

Beim ersten Anblick scheint diesbezüglich seine Muttersprache – Deutsch – mit dem Begriff „Hinterglasmalerei“ die beste Lösung anzubieten. Dagegen wirken für den Betrachter die Bezeichnungen ζωγραφική πάνω σε τζάμι (Griechisch), “painting on glass” (Englisch) und “peinture sur verre” (Französisch) etwas irreführend. Vielleicht aber auch nicht? Vielleicht ist hier nichts wie es auf Anhieb scheint. Wird mit dem Begriff „Hinterglasmalerei“ nur die Technik der Malerei von Antonios bezeichnet, oder geht es hier um etwas mehr, etwas Ausgefalleneres, einen Spiegel von Eindrücken einer weiteren Dimension, die dem geistigen Auge entspringen – der Dimension der ruhigen, idyllischen Mittelmeerwelt, wo man nach Idealen suchen kann, die am besten durch die griechische Begriffe “ισορροπόια”, “ειρήνη” und “λιακάδα” zu beschreiben sind. Haben wir es hier mit einem Blick durch den Spiegel zu tun, wie dem der kleinen Alice im Wunderland? Oder geht es um den Spiegel eines solchen Bildnisses wie jenem von Platon in seinem Werk „Πολιτεία“, in dem die flackernde Reflexion des Feuers an der Wand erscheint, weit weg von - aber doch innerhalb der Realität? Möchte der Maler damit die Kehrseite seiner Umwelt offenbaren - einer bedrohten Umwelt – oder jener von Traditionen,  die zu einem Kuriosum  der Vergangenheit geworden sind? Gewiss malt Antonios auf der Oberfläche einer Scheibe Glas, aufgehängt wird das Bild aber von der anderen Seite betrachtet. Nimmt daher der Betrachter wahr, das dieses Bild einer ‘anderen Dimension’ entspringt - dass diese ruhige und wohlgeordnete Komposition nur erreichbar ist als Folge eines sehr präzisen Denkvorgangs, in dem alles seitenverkehrt konzipiert und aufgebaut werden muss? Wir können sofort begreifen, wie ein Maler seine Komposition auf die Leinwand bringt – für uns wirkt sein Vorgehen  instinktiv logisch – Antonios dagegen gestaltet seine Kompositionen in umgekehrter Reihenfolge. Um ein Gesicht darzustellen, malt er zuerst die Augen, die Nase und den Mund - jene Gesichtszüge die in einem Bild auf Leinwand erst später auf den hautfarbigen Hintergrund des Gesichtes aufgetragen werden. Erst danach deckt Antonios die ganzen Gesichtsfläche, einschliesslich der Gesichtszüge, mit der Hautfarbe zu. Wenn seine Konzentration nachlässt und er aus Versehen einer Figur nur eine Auge gibt, wird letztere dazu verurteilt, für alle Ewigkeit ein einäugiger Zyklop zu bleiben. Aufgrund der vielen aufgetragenen Farbschichten ist keine Korrektur möglich.

Mit welcher geheimnisvollen Phantasie haben wir es hier zu tun? Was hat einen Menschen, der auf Anhieb Fröhlichkeit und Optimismus ausstrahlt, dazu gebracht, auf solchen Umwegen eine idealistische Traumwelt darzustellen? Vielleicht wurde durch irgendein genetisches Verfahren ihm jene stimmungsvolle Atmosphäre des 19. Jahrhunderts, die München zu einem Zentrum des Philhellenismus machte, vererbt. Antonios studierte Kunst an der Akademie der Bildenden Künste München, danach an der Akademie für das Graphische Gewerbe München. Antonios kam zum ersten Mal im Jahr 1962 nach Griechenland. Es war nur eine Zeitfrage, bis er sich für immer in Griechenland niederliess. Der Ort war Santorin, der Zeitpunkt - 1971. Während er eines Tages über eine Tasse metrio Kaffee mit einer älteren Nachbarin in seiner Heimatortschaft Oia plauderte, wurden seine Augen zu einem Gemälde an der Wand des kleinem, weissgetünchten Wohnzimmers angezogen. Die Dame selbst hatte es gemalt, vor fast einem halben Jahrhundert, seitenverkehrt auf einer kleinen Scheibe Fensterglas, sie konnte sich sogar an einige Freunde und Freundinnen erinnern, die Ähnliches gemalt hatten. Davon inspiriert experimentierte Antonios mit der Technik der Hinterglasmalerei. Sofort faszinierte ihn die traumartige Helligkeit und die  Lichtstärke, mit der diese Maltechnik eine ägäische Landschaft, das Licht- und Schattenspiel, die Lichtdurchlässigkeit des Meeres, die fasziniernde Schlichtheit der weissen Häuser und das himmlische Leuchten der Kirchen durch das Auftragen der Farben direkt auf das Glas erblühen lassen konnte. Allmählich empfand er das Gewicht und die Zerbrechlichkeit grösserer Glasscheiben und das langsame Trocknen der Ölfarben als einschränkend; nun experimentierte er mit synthetischem, unzerbrechlichem Glas und Acrylfarben. Das Ergebnis war überwältigend.

 Antonios verwendet seine breite Palette ikonographischer Themen fast wie photographische Motive, stets in nicht stilisierte, zuversichtliche Kompositionen eingebunden. Immer wird die Reflexion des Lichts mit Rücksicht behandelt, sodass die Leuchtkraft der Materialien voll genutzt wird. Der ikonographische Raum wird sorgfältig konzipiert. Ganz offensichtlich lädt der Maler den Betrachter nicht dazu ein, die Elemente der Komposition zu analysieren. Beim ersten Anblick wirken die Gemälde anti-illusionistisch, sie scheinen keine ausdrückliche Kritik hervorzurufen. Kein Versuch wird unternommen, Realität mit Fantasie zu kombinieren, das würde Surrealismus benötigen. Antonios erkennt die Vollkommenheit des Kosmos um sich herum, den unveränderlichen Charakter der Natur, das auf dem Wasser sich spiegelnde Licht, die schimmernden Olivenblätter, die nackten Felsen einer karstigen Berglandschaft, den blauen Himmel wie er im weindunklen Meer von Homer sich spiegelt. Die aktuellen, überall sichtbaren Ausgeburten moderner Zivilisation sind in den Gemälden nirgendwo wahrzunehmen. Antonios stellt eine vollkommene Inselwelt da, die entweder Illusion oder Tatsache sein kann, die friedliche Erholung und persönliche Zufriedenheit verspricht.

Über drei Jahrzehnte, nach mehr als 90 Ausstellungen (darunter in London, München, Cincinnati, Sydney, Zürich, Athen und Berlin), hat Antonios eine Handschrift der Malerei entwickelt, die ihm ermöglicht die Vollkommenheit des griechischen Insellebens einem internationalen Publikum zu vermitteln. Antonios lebt und malt seit 1991 auf Kreta.  

©  2005  Jill Pittinger. Alle Rechte vorbehalten. 

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